Recht & Compliance für den Handel

Maschinenverordnung ab 2027: Diese Pflichten treffen Händler und Importeure

Am 20. Januar 2027 löst die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 die seit 2006 geltende Maschinenrichtlinie ab — und nimmt erstmals Einführer und Händler direkt in die Pflicht. Wer Werkzeuge, Gartengeräte oder Hebezeug verkauft, prüft ab dann jede Maschine vor der Bereitstellung selbst. Dieser Leitfaden zeigt, was konkret zu tun ist, was mit Lagerware passiert und welche Daten Sie vorher sammeln sollten.

Illustration: Zahnrad und Werkzeugmaschine auf einer Palette wandern durch eine Prüfstation mit Klemmbrett ins Händlerregal — Prüfpflichten der EU-Maschinenverordnung für Händler und Importeure
20.01.2027 gilt die Verordnung Art. 15 Prüfpflicht für Händler 10 Jahre Anleitung online halten

Die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 gilt ab dem 20. Januar 2027 und ersetzt die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG. Neu ist, dass Einführer und Händler eigene Pflichten bekommen: Händler prüfen vor jeder Bereitstellung CE-Kennzeichnung, EU-Konformitätserklärung, deutschsprachige Betriebsanleitung und die Angaben zu Hersteller und Einführer. Maschinen, die vorher in Verkehr gebracht wurden, dürfen weiter verkauft werden.

Hinweis: Dieser Beitrag ist allgemeine Information und ersetzt keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die Verordnung (EU) 2023/1230 in der berichtigten Fassung; Einzelheiten hängen von Produkt, Lieferkette und Rolle im Vertrieb ab. Stand: August 2026.

1. Was ist die Maschinenverordnung?

Die Maschinenverordnung — kurz MVO — ist die Verordnung (EU) 2023/1230 vom 14. Juni 2023 über Maschinen, veröffentlicht im Amtsblatt L 165 (Quelle: EUR-Lex). Sie legt fest, welche Sicherheits- und Gesundheitsschutzanforderungen eine Maschine erfüllen muss, bevor sie in der EU verkauft oder in Betrieb genommen werden darf, und wer in der Lieferkette wofür geradesteht.

Ein Hinweis vorweg, der viel Verwirrung erspart: Der Begriff „Maschinenverordnung" ist in Deutschland doppelt belegt. Er bezeichnet bis heute auch die Neunte Verordnung zum Produktsicherheitsgesetz (9. ProdSV), mit der Deutschland die alte EU-Maschinenrichtlinie umgesetzt hat. Diese deutsche Verordnung tritt mit Ablauf des 19. Januar 2027 außer Kraft (Quelle: § 10 der 9. ProdSV). Wer 2027 von „der Maschinenverordnung" spricht, meint danach die EU-Verordnung.

Für den Handel entscheidend ist eine Passage in den Erwägungsgründen: Die Verordnung soll für alle Formen der Lieferung gelten, ausdrücklich einschließlich des Fernabsatzes (Quelle: EUR-Lex, Erwägungsgrund 13). Ein Online-Shop ist damit genauso erfasst wie der Ladenverkauf — die Vertriebsform ändert nichts an den Pflichten.

2. Richtlinie oder Verordnung: Was sich rechtlich ändert

Der wichtigste Unterschied steckt schon im Namen. Eine Richtlinie richtet sich an die Mitgliedstaaten und muss in nationales Recht umgesetzt werden — deshalb gab es die 9. ProdSV. Eine Verordnung gilt dagegen unmittelbar in jedem Mitgliedstaat (Quelle: EUR-Lex, Artikel 54). Das beseitigt Auslegungsunterschiede zwischen den Ländern, nimmt aber auch den Puffer weg, den ein nationales Umsetzungsgesetz manchmal geschaffen hat.

Aspekt Maschinenrichtlinie 2006/42/EG Maschinenverordnung (EU) 2023/1230
Rechtsform Richtlinie — jeder Mitgliedstaat setzt sie in eigenes Recht um (in Deutschland die 9. ProdSV). Verordnung — gilt unmittelbar in jedem Mitgliedstaat, ohne nationales Umsetzungsgesetz.
Adressaten Im Kern der Hersteller; Einführer und Händler kommen im Text kaum vor. Eigene Pflichtenartikel für Hersteller (Art. 10), Bevollmächtigte (Art. 12), Einführer (Art. 13) und Händler (Art. 15).
Betriebsanleitung Muss der Maschine in Papierform beiliegen. Darf digital bereitgestellt werden; Papierversion auf Verlangen beim Kauf binnen eines Monats kostenfrei (Art. 10 Abs. 7).
Konformitätserklärung Liegt dem Produkt bei. Darf digital sein — Internetadresse oder maschinenlesbarer Code genügt, mindestens 10 Jahre online (Art. 10 Abs. 8).
Risiko-Maschinen Liste in Anhang IV der Richtlinie. Anhang I Teil A und Teil B; für Teil A ist eine benannte Stelle zwingend (Art. 25 Abs. 2).
Digitale Themen Nicht geregelt. Cybersicherheit und selbstlernende Systeme sind in den Sicherheitsanforderungen verankert; Software kann Sicherheitsbauteil sein.

Aus Händlersicht ist die zweite Zeile die folgenreichste. Bisher war das Maschinenrecht ein Herstellerthema; wer nur weiterverkaufte, orientierte sich an den allgemeinen Regeln zur CE-Kennzeichnung für Händler und Importeure. Ab 2027 steht die Prüfpflicht direkt im Maschinenrecht — mit eigenem Artikel, eigenem Wortlaut und eigener Durchsetzung.

3. Was fällt unter die Maschinenverordnung?

Artikel 2 zählt sieben Produktarten auf: Maschinen und unvollständige Maschinen sowie auswechselbare Ausrüstungen, Sicherheitsbauteile, Lastaufnahmemittel, Ketten, Seile und Gurte und abnehmbare Gelenkwellen (Quelle: EUR-Lex). Ausgenommen sind unter anderem Waffen, Kraftfahrzeuge, Luftfahrzeuge, Einrichtungen für Jahrmärkte und Sicherheitsbauteile, die der Originalhersteller als identisches Ersatzteil liefert.

Übersetzt in ein typisches Online-Sortiment heißt das: Bohrmaschinen, Winkelschleifer und Kompressoren, Rasenmäher, Vertikutierer und Häcksler, Hebebühnen, Seilwinden und Hubwagen, Anschlagketten und Hebebänder, Kreissägen und Werkstattpressen. Auch reine Anbaugeräte fallen als auswechselbare Ausrüstungen darunter.

Erweitert hat sich vor allem der Begriff des Sicherheitsbauteils: Er umfasst nun auch Software und andere digitale Komponenten, die eigenständig eine Sicherheitsfunktion erfüllen; eine nicht abschließende Liste steht in Anhang II (Quelle: IHK Halle-Dessau, Stand April 2026). Dazu kommen in den Sicherheitsanforderungen erstmals Vorgaben zur Cybersicherheit und zu Maschinen mit selbstlernendem Verhalten.

Für einen Teil der Produkte verschärft sich zusätzlich das Prüfverfahren. Anhang I listet Kategorien mit erhöhtem Risiko: In Teil A — darunter Hebebühnen für Fahrzeuge, tragbare Befestigungsgeräte mit Treibladung und Sicherheitsbauteile mit selbstlernendem Verhalten — ist eine benannte Stelle zwingend, die reine interne Fertigungskontrolle reicht nicht mehr. In Teil B stehen Klassiker wie Kreissägen, Bandsägen, Handkettensägen, Abrichthobelmaschinen, Pressen für die Kaltbearbeitung von Metall sowie Maschinen zum Heben von Personen aus mehr als drei Metern Höhe; hier bleibt die interne Kontrolle möglich, solange vollständig nach harmonisierten Normen gebaut wird (Quelle: EUR-Lex, Artikel 25 und Anhang I).

4. Aktueller Stand: die Fristen bis 2027

Ein Detail sorgt regelmäßig für falsche Kalendereinträge: Die zuerst veröffentlichte Fassung nannte den 14. Januar 2027. Eine amtliche Berichtigung im Amtsblatt L 169 vom 4. Juli 2023 hat dieses Datum in Artikel 51, 52 und 54 auf den 20. Januar 2027 korrigiert (Quelle: EUR-Lex, Berichtigung). Wer den Volltext der Urfassung liest, findet dort weiterhin den 14. Januar — verbindlich ist die berichtigte Fassung. Die deutsche Seite bestätigt es unabhängig: Die 9. ProdSV endet mit Ablauf des 19. Januar 2027.

Datum Was passiert Details
29.06.2023 Veröffentlichung im EU-Amtsblatt Die Verordnung (EU) 2023/1230 erscheint im Amtsblatt L 165 (Quelle: EUR-Lex).
04.07.2023 Amtliche Berichtigung der Fristen Das Amtsblatt L 169 korrigiert mehrere Datumsangaben — unter anderem den Geltungsbeginn vom 14. auf den 20. Januar 2027 (Quelle: EUR-Lex, Berichtigung).
19.07.2023 Verordnung tritt in Kraft Am zwanzigsten Tag nach der Veröffentlichung; die Pflichten für Wirtschaftsakteure greifen aber erst später (Quelle: EUR-Lex, Art. 54).
20.01.2024 Regeln für benannte Stellen gelten Die Artikel 26 bis 42 zur Notifizierung von Prüfstellen sind bereits anwendbar, damit rechtzeitig Kapazitäten bestehen (Quelle: EUR-Lex, Art. 54).
20.10.2026 Mitgliedstaaten melden ihre Sanktionen Bis zu diesem Tag teilen die Staaten der Kommission mit, welche Sanktionen sie für Verstöße vorsehen (Quelle: EUR-Lex, Art. 50 Abs. 2, berichtigte Fassung).
19.01.2027 Deutsche 9. ProdSV tritt außer Kraft Die bisherige deutsche „Maschinenverordnung" endet mit Ablauf dieses Tages (Quelle: § 10 der 9. ProdSV).
20.01.2027 Maschinenverordnung gilt vollständig Die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG ist aufgehoben; ab jetzt darf nur noch nach der Verordnung in Verkehr gebracht werden (Quelle: EUR-Lex, Art. 51 und 54).

Eine Übergangsphase, in der Hersteller zwischen Richtlinie und Verordnung wählen könnten, gibt es nicht: Bis zum 19. Januar 2027 gilt die Richtlinie, ab dem 20. Januar die Verordnung. Welche Sanktionen Deutschland für Verstöße vorsieht, war im August 2026 noch nicht veröffentlicht — die Verordnung verlangt lediglich, dass sie „wirksam, verhältnismäßig und abschreckend" sind und bei schweren Verstößen auch strafrechtlich ausfallen können (Quelle: EUR-Lex, Artikel 50). Konkrete Bußgeldhöhen zu nennen, wäre an dieser Stelle Spekulation.

5. Ihre Pflichten als Händler: die Prüfliste aus Artikel 15

Artikel 15 verlangt zunächst allgemein, die Vorschriften „mit der gebührenden Sorgfalt" zu berücksichtigen. Danach wird er sehr konkret. Bevor Sie eine Maschine auf dem Markt bereitstellen, überprüfen Sie vier Punkte (Quelle: EUR-Lex, Artikel 15 Absatz 2):

  • CE-Kennzeichnung vorhanden — die Maschine trägt das Zeichen.
  • EU-Konformitätserklärung liegt bei — entweder als Dokument oder über die im Handbuch angegebene Internetadresse beziehungsweise den maschinenlesbaren Code.
  • Betriebsanleitung und Pflichtinformationen liegen bei — in einer für die Nutzer leicht verständlichen Sprache, die der Mitgliedstaat festlegt. Für den deutschen Markt heißt das: auf Deutsch.
  • Hersteller- und Einführerangaben sind angebracht — Name, Anschrift und digitale Kontaktmöglichkeit, dazu Modell-, Baureihen- oder Typbezeichnung, Baujahr und Seriennummer.

Fällt einer dieser Punkte aus, greift Absatz 3: Sie dürfen die Maschine nicht bereitstellen, bis die Konformität hergestellt ist. Geht von ihr ein Risiko aus, unterrichten Sie zusätzlich Hersteller oder Einführer und die Marktüberwachungsbehörden. Diese behördliche Meldepflicht bei erkannten Risiken trifft Hersteller, Importeure und Händler ab 2027 gleichermaßen (Quelle: IHK Halle-Dessau).

Zwei weitere Absätze werden im Alltag gern übersehen. Absatz 4 macht Sie für Lagerung und Transport verantwortlich: Die Bedingungen dürfen die Sicherheitsanforderungen nicht beeinträchtigen — bei Hebebändern, Ketten oder Elektronik im ungeheizten Außenlager ein realer Punkt. Und Absatz 6 verpflichtet Sie, der Behörde auf begründetes Verlangen alle Nachweise vorzulegen, in Papier- oder digitaler Form. Wie schnell das gelingt, entscheidet sich lange vorher — nämlich daran, ob die Unterlagen am Artikel hängen oder in irgendeinem Postfach liegen.

6. Pflichten als Importeur — und wann Sie plötzlich Hersteller sind

Einführer ist nach Artikel 3, wer ein Produkt aus einem Drittstaat erstmals auf dem EU-Markt in Verkehr bringt. Viele Online-Händler sind das, ohne sich so zu nennen: Wer direkt in China, der Türkei oder Großbritannien einkauft, ist Einführer und trägt die Pflichten aus Artikel 13 — spürbar mehr als der reine Händler:

  • Vorabprüfung der Konformität: Der Hersteller muss das passende Konformitätsbewertungsverfahren durchgeführt und die technischen Unterlagen nach Anhang IV Teil A erstellt haben.
  • Eigene Kontaktangaben am Produkt: Name, Handelsname oder Marke, Postanschrift und zusätzlich Website, E-Mail-Adresse oder eine andere digitale Kontaktmöglichkeit — auf dem Produkt, sonst auf Verpackung oder Begleitdokument.
  • Stichproben und Beschwerdeverzeichnis: Wo es angesichts der Risiken angemessen ist, prüfen Einführer Stichproben, untersuchen Beschwerden, führen ein Verzeichnis nicht konformer Produkte und halten ihre Händler darüber auf dem Laufenden.
  • Zehn Jahre Nachweispflicht: Ein Exemplar der EU-Konformitätserklärung bleibt zehn Jahre nach dem Inverkehrbringen für die Marktüberwachung verfügbar, die technischen Unterlagen müssen auf Verlangen vorgelegt werden können.

Darüber hinaus kennt die Verordnung zwei Situationen, in denen Sie rechtlich zum Hersteller werden — mit dem vollen Pflichtenpaket aus Artikel 10, inklusive Risikobeurteilung, technischer Dokumentation und eigener Konformitätserklärung:

  • Eigenmarke: Sie bringen die Maschine unter Ihrem eigenen Namen oder Ihrer eigenen Marke in Verkehr (Artikel 17). Das private-Label-Geschäft, das im Marktplatz-Handel so beliebt ist, wechselt damit die Rolle komplett.
  • Veränderung: Sie verändern ein bereits in Verkehr gebrachtes Produkt so, dass sich das auf die Konformität auswirken kann (Artikel 17) — oder Sie nehmen eine wesentliche Veränderung vor, die eine neue Gefährdung schafft oder ein Risiko erhöht (Artikel 18). Bundling, Umbau oder das Kombinieren zweier Geräte zu einer Einheit fällt schnell darunter.

Diese Rollenlogik kennen Sie im Grundsatz aus der allgemeinen Produktsicherheitsverordnung GPSR. Der Unterschied: Die GPSR regelt Pflichtangaben und Meldewege für Verbraucherprodukte allgemein, die Maschinenverordnung die technische Konformität einer bestimmten Produktfamilie. Beide gelten nebeneinander — und wer eine Maschine unter Eigenmarke verkauft, wird nach beiden Regelwerken zum Hersteller.

7. Digitale Betriebsanleitung: neue Freiheit mit Papier-Vorbehalt

Die meistdiskutierte Neuerung ist die digitale Betriebsanleitung. Sie darf künftig digital bereitgestellt werden — das spart Papier, Platz im Karton und Übersetzungsaufwand. Bedingungslos ist die Erlaubnis aber nicht (Quelle: EUR-Lex, Artikel 10 Absätze 7 und 8):

Situation Zulässige Form Worauf Sie achten
Maschine ausschließlich für professionelle Nutzer Betriebsanleitung darf vollständig digital bereitgestellt werden. Der Zugangsweg muss an Maschine, Verpackung oder Begleitdokument stehen; die Datei muss druck-, download- und speicherbar sein.
Kunde verlangt beim Kauf Papier Papierversion innerhalb eines Monats, kostenfrei. Die Pflicht trifft den Hersteller — die Anfrage landet trotzdem in Ihrem Kundenservice. Klären Sie den Ablauf vorher mit dem Lieferanten.
Maschine wird absehbar auch privat genutzt Sicherheitsinformationen müssen weiterhin in Papierform beiliegen. Gilt auch, wenn die Maschine nicht für Privatnutzer bestimmt ist, aber vorhersehbar von ihnen benutzt wird — für B2C-Shops der Regelfall.
EU-Konformitätserklärung Beiliegend oder als Internetadresse beziehungsweise maschinenlesbarer Code. Digitale Erklärungen müssen die erwartete Lebensdauer über, mindestens jedoch zehn Jahre, online erreichbar bleiben.

Der dritte Fall verdient besondere Aufmerksamkeit, weil er im B2C-Handel praktisch immer greift: Sobald eine Maschine unter vernünftigerweise vorhersehbaren Umständen von nichtprofessionellen Nutzern verwendet werden kann, müssen die für die sichere Inbetriebnahme wesentlichen Sicherheitsinformationen in Papierform beiliegen — auch wenn die Maschine gar nicht für Privatnutzer bestimmt ist. Wer Werkzeuge und Gartengeräte an Endkunden verkauft, sollte deshalb nicht damit rechnen, dass der Karton künftig papierlos ankommt.

Der zweite Punkt ist eine Betriebsaufgabe, die im Shop landet, obwohl sie im Gesetz beim Hersteller steht: Digitale Anleitungen müssen über die voraussichtliche Lebensdauer der Maschine und mindestens zehn Jahre online erreichbar bleiben. Wenn Sie Anleitungs-PDFs selbst hosten — was viele Shops aus Ladezeit- und Servicegründen tun —, brauchen Sie stabile URLs und eine Redirect-Disziplin, die jeden Shop-Relaunch übersteht. Ein toter Link ist hier kein 404, sondern eine gerissene Nachweiskette.

8. Lagerware ab dem 20. Januar 2027: kein Abverkauf-Stichtag

Das ist die Frage, die Händler am meisten beschäftigt — und die Antwort ist beruhigender als erwartet. Artikel 52 bestimmt, dass die Mitgliedstaaten die Bereitstellung von Produkten nicht behindern dürfen, die entsprechend der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG vor dem 20. Januar 2027 in Verkehr gebracht wurden (Quelle: EUR-Lex). Einen Stichtag, bis zu dem Altbestände abverkauft sein müssen, gibt es nicht.

Entscheidend ist dabei ein juristischer Begriff, der im Alltag leicht verrutscht: „Inverkehrbringen" ist die erstmalige Bereitstellung auf dem Unionsmarkt (Artikel 3). Gemeint ist also der Moment, in dem die Maschine erstmals in den EU-Markt gelangt — nicht der Verkauf an Ihren Kunden. Eine Maschine, die im Dezember 2026 vom Hersteller ausgeliefert und im März 2027 aus Ihrem Lager versendet wird, bleibt eine Maschine nach altem Recht.

Praktisch heißt das: Der Nachweis, wann eine Charge in Verkehr gebracht wurde, wird ab 2027 zum Wert an sich. Wareneingangsdatum, Lieferschein und Chargen- oder Seriennummer sollten deshalb sauber dokumentiert und dem Artikel zugeordnet sein. Wer das erst dann rekonstruiert, wenn eine Behörde oder ein Marktplatz-Compliance-Team fragt, verliert Zeit — oder das Listing.

Ebenfalls hilfreich: Bereits ausgestellte EG-Baumusterprüfbescheinigungen bleiben bis zu ihrem Ablauf gültig (Artikel 52 Absatz 2). Für Ihre Lieferanten fällt damit ein Teil des Umstellungsdrucks weg, was Ihnen die Beschaffung erleichtert.

Maschinenverordnung auf einen Blick
  • Verordnung(EU) 2023/1230 — „Maschinenverordnung" (MVO)
  • Gilt ab20.01.2027 (berichtigte Fassung, Art. 54)
  • Löst abMaschinenrichtlinie 2006/42/EG — in Deutschland die 9. ProdSV
  • Neu im RechtEinführer (Art. 13) und Händler (Art. 15) mit eigenen Pflichten
  • LagerwareVor dem 20.01.2027 in Verkehr gebracht = weiter verkäuflich (Art. 52)

Quellen: EUR-Lex — Verordnung (EU) 2023/1230 und EUR-Lex — Berichtigung vom 4. Juli 2023 (öffnen in neuem Tab). Stand: August 2026 — Angaben ohne Gewähr. Die vollständige Quellenliste finden Sie am Ende des Beitrags.

9. 6 Schritte: Sortiment und Produktdaten jetzt vorbereiten

Bis zum Stichtag bleiben gut fünf Monate — knapp, aber ausreichend, wenn Sie die Umstellung als Datenprojekt behandeln statt als Feueralarm. Aus unseren E-Commerce-Projekten wissen wir: Nicht die Rechtsfrage kostet Zeit, sondern das Einsammeln der Nachweise bei zwanzig Lieferanten. Diese Reihenfolge hat sich bewährt:

01

Sortiment auf Maschinen-Produkte filtern

Ziehen Sie eine Liste aller Artikel, die unter Artikel 2 fallen — Elektrowerkzeuge, Gartengeräte, Werkstattmaschinen, Hebezeug, Sicherheitsbauteile, Ketten und Gurte. Diese Liste ist die Arbeitsgrundlage für alles Weitere und lässt sich meist über Warengruppen oder Merkmale in der Warenwirtschaft erzeugen.

02

Nachweise beim Lieferanten einsammeln

Fordern Sie je Artikel die EU-Konformitätserklärung und die deutschsprachige Betriebsanleitung an — und fragen Sie ausdrücklich, ab wann der Lieferant nach der Verordnung liefert. Wer erst im Januar 2027 fragt, steht mit nicht listbaren Artikeln da.

03

Rolle je Lieferkette klären

Beziehen Sie direkt aus einem Drittstaat, sind Sie Einführer und tragen die Pflichten aus Artikel 13. Verkaufen Sie unter eigener Marke oder verändern Sie Produkte, gelten Sie nach Artikel 17 sogar als Hersteller. Halten Sie diese Einordnung je Lieferant schriftlich fest.

04

Anleitungs-URLs langfristig sichern

Digitale Betriebsanleitungen müssen mindestens zehn Jahre erreichbar bleiben. Wenn Ihr Shop die Dateien selbst hostet, brauchen Sie stabile URLs und eine Redirect-Disziplin über jeden Relaunch hinweg — sonst reißt der Nachweis bei der nächsten Umstellung.

05

Prüfergebnisse als Datenfelder pflegen

Konformitätserklärung, Anleitungslink, Hersteller- und Einführerangaben gehören als Felder in Warenwirtschaft oder PIM, nicht in ein E-Mail-Postfach. Nur so spielen Shop und Marktplatz die Angaben automatisch aus und Sie beantworten Behördenanfragen in Minuten statt in Tagen.

06

Stichtag im Wareneingang verankern

Halten Sie fest, welche Chargen vor dem 20. Januar 2027 in Verkehr gebracht wurden. Diese Dokumentation ist Ihr Beleg dafür, dass Altbestände zulässig weiterverkauft werden — im Zweifel gegenüber der Marktüberwachung oder einem Marktplatz-Compliance-Team.

Technisch ist das kein Sonderprojekt, sondern saubere Produktdatenpflege. Ein PIM-System für Produktdaten hält Konformitätsnachweise, Anleitungslinks und Herstellerangaben je Artikel vor und verteilt sie an Shop und Marktplätze; wer ohne PIM arbeitet, bildet dieselben Felder in der JTL-Wawi über Attribute und Merkmale ab. Denselben Datenhaushalt brauchen Sie ohnehin für den digitalen Produktpass — es lohnt sich also, ihn einmal richtig anzulegen statt zweimal notdürftig.

10. Fazit: Daten sammeln schlägt Stichtag abwarten

Die Maschinenverordnung ist für Hersteller ein großes Thema und für Händler ein präzises: vier Prüfpunkte vor der Bereitstellung, eine Meldepflicht bei erkannten Risiken, Sorgfalt bei Lagerung und Transport, Auskunftsfähigkeit gegenüber der Marktüberwachung. Wer aus einem Drittstaat einkauft oder unter Eigenmarke verkauft, trägt deutlich mehr — bis hin zu vollen Herstellerpflichten. Und die gute Nachricht bleibt: Altbestände, die vor dem 20. Januar 2027 in Verkehr gebracht wurden, dürfen Sie weiter verkaufen.

Der Aufwand steckt nicht im Rechtstext, sondern in den Daten dahinter. Wenn Sie Sortiment, Nachweise und Rollen bis zum Jahresende sortiert haben, ist der Stichtag ein Kalendereintrag statt eines Problems. Genau daran arbeiten wir in der E-Commerce-Beratung mit unseren Kunden: Wir gehen das Sortiment durch, definieren die nötigen Datenfelder in Warenwirtschaft und PIM und richten die Prozesse so ein, dass Nachweise beim Wareneingang entstehen statt bei der Behördenanfrage. Wie die zivilrechtliche Seite aussieht, wenn trotzdem etwas schiefgeht, zeigt unser Beitrag zum neuen Produkthaftungsgesetz.

Hinweis: Dieser Artikel ist allgemeine Information und ersetzt keine Rechtsberatung. Die genannten Pflichten, Fristen und Artikelverweise beziehen sich auf die Verordnung (EU) 2023/1230 in der berichtigten Fassung, Stand August 2026. Die deutschen Sanktionsvorschriften lagen zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor; Details können sich durch Durchführungsrechtsakte, harmonisierte Normen und Rechtsprechung ändern. Für Ihren konkreten Fall ziehen Sie bitte die offiziellen Quellen oder eine fachkundige Rechtsberatung heran.

11. Häufige Fragen zur Maschinenverordnung

Was fällt unter die Maschinenverordnung?

Erfasst sind Maschinen und unvollständige Maschinen sowie auswechselbare Ausrüstungen, Sicherheitsbauteile, Lastaufnahmemittel, Ketten, Seile und Gurte und abnehmbare Gelenkwellen (Artikel 2). Ausgenommen sind unter anderem Waffen, Kraftfahrzeuge und Luftfahrzeuge. Im Sortiment eines Online-Shops betrifft das typischerweise Elektrowerkzeuge, Garten- und Werkstattmaschinen sowie Hebezeug (Quelle: EUR-Lex, Verordnung (EU) 2023/1230).

Was ändert sich durch die neue Maschinenverordnung?

Für den Handel ändert sich vor allem die Adressierung: Einführer und Händler bekommen erstmals eigene Pflichtenartikel im Maschinenrecht (Artikel 13 und 15). Dazu kommen die zulässige digitale Betriebsanleitung, ein erweiterter Begriff des Sicherheitsbauteils samt Software sowie neue Anforderungen an Cybersicherheit und selbstlernende Systeme (Quellen: EUR-Lex, IHK Halle-Dessau).

Wie ist der aktuelle Stand der Maschinenverordnung?

Die Verordnung ist seit dem 19. Juli 2023 in Kraft, ihre Kernpflichten gelten aber erst ab dem 20. Januar 2027. Bis dahin gilt weiter die Maschinenrichtlinie, in Deutschland umgesetzt durch die 9. ProdSV. Die nationalen Sanktionsvorschriften sind der EU-Kommission bis zum 20. Oktober 2026 zu melden (Quelle: EUR-Lex, Stand August 2026).

Was ist der Unterschied zwischen Maschinenrichtlinie und Maschinenverordnung?

Die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG musste jeder Mitgliedstaat in nationales Recht gießen — in Deutschland über die 9. ProdSV. Die Maschinenverordnung gilt dagegen unmittelbar in jedem Mitgliedstaat, ohne Umsetzungsgesetz. Inhaltlich weitet sie den Pflichtenkreis auf Einführer und Händler aus und regelt digitale Dokumente, Cybersicherheit und lernende Systeme (Quelle: EUR-Lex).

Ab wann gilt die Maschinenverordnung genau?

Ab dem 20. Januar 2027. Die zuerst veröffentlichte Fassung nannte den 14. Januar 2027; eine amtliche Berichtigung vom 4. Juli 2023 hat dieses Datum auf den 20. Januar 2027 korrigiert. Die deutsche 9. ProdSV tritt passend dazu mit Ablauf des 19. Januar 2027 außer Kraft (Quellen: EUR-Lex, Gesetze im Internet).

Dürfen Händler nach dem 20. Januar 2027 noch Lagerware verkaufen?

Ja. Artikel 52 stellt klar, dass die Mitgliedstaaten die Bereitstellung von Produkten nicht behindern dürfen, die vor dem 20. Januar 2027 nach der alten Maschinenrichtlinie in Verkehr gebracht wurden. Einen Abverkauf-Stichtag gibt es also nicht. Entscheidend ist der Zeitpunkt des Inverkehrbringens, nicht der Verkauf an Ihren Kunden (Quelle: EUR-Lex).

Muss die Betriebsanleitung weiterhin auf Papier beiliegen?

Nicht zwingend: Die Betriebsanleitung darf digital bereitgestellt werden. Verlangt der Nutzer beim Kauf eine Papierversion, muss der Hersteller sie innerhalb eines Monats kostenlos liefern. Bei Maschinen, die auch von Privatnutzern verwendet werden können, müssen die wesentlichen Sicherheitsinformationen aber weiterhin in Papierform beiliegen (Quelle: EUR-Lex, Artikel 10 Absatz 7).

12. Quellen & offizielle Informationen

Die Angaben in diesem Beitrag stützen sich auf folgende offizielle und fachliche Quellen (Stand August 2026). Externe Quellen öffnen in einem neuen Tab.

Unklar, welche Artikel in Ihrem Sortiment betroffen sind — oder welche Nachweise Sie von welchem Lieferanten brauchen? Wir sortieren Sortiment, Rollen und Produktdaten gemeinsam, bevor der Stichtag Druck macht.

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